„Bonjour, grande nation“

Quelle: Gelnhäuser Tageblatt vom 25.1.2017

VERANSTALTUNG Ein sprachlicher Selbstversuch: Von einem, der auszog, Französisch zu lernen und scheiterte

Von Jakob Mähler

GELNHAUSEN. Französisch war noch nie meine Sprache. Als Lateiner mit mehr schlechtem als rechtem Latinum schreibt man Wörter so, wie man sie spricht. An diesem Vormittag im Grimmelshausen Gymnasium in Gelnhausen komme ich da schnell an meine Grenzen.

 Die Schule hatte zum „Deutsch-Französischen Tag“ eingeladen. Die zwei Landesflaggen über dem Haupteingang deuten an, dass sich die Verantwortlichen Mühe gegeben haben. Innen noch mehr Flaggen, es riecht nach Crêpes und Flammkuchen, verlockend, aber dafür ist es für mich als notorischen Spätaufsteher doch noch etwas zu früh. Die Schuluhr tickt eben anders. Draußen fällt aber vor allem eines auf: Der kleine Kastenwagen einer, wie sollte es auch anders sein, französischen Marke hat dort geparkt, das „France Mobil“. Dass ich heute meine erste richtige Französisch-Stunde erhalten werde, war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst.

Nathalie Grischkat betritt Raum 110 im Erdgeschoss der Schule. Gemeinsam mit Katrin Noll ist sie Fachschaftsleiterin für Französisch und fungiert als Ansprechpartnerin: „Eigentlich war der ‚Deutsch-Französische Tag‘ am vergangenen Sonntag“, erklärt sie. Kein Problem, gefeiert werden darf auch später, nur nicht früher. „Die Klassen ab der Jahrgangsstufe zehn sind derzeit im Kino und schauen den Film ‚Paulette‘“, erklärt sie. Beim Notieren passiert mir natürlich der erste Fehler, der Lateiner schleicht sich wieder ein: „Polet“ lautet mein erster und komplett falscher Versuch. „Die anderen Klassen bieten französische Spezialitäten an und unsere sechsten Klassen erhalten das Angebot vom France Mobil. Der zuständige Lektor erscheint in dem Moment in der Tür, fünf Minuten noch bis zum Unterrichtsbeginn, auch für mich. Hakim Benbadra, aufgewachsen in einem Vorort von Paris, wohnt jetzt in Mainz. Nach seinem Bachelor in Geschichte und seinem Master in „European Studies“ nutzt er die Chance des France Mobils, um die Lücke zwischen Studium und Beruf zu füllen. Seit September reist er damit zu Schulen in ganz Hessen.

Dann der Unterrichtsbeginn für die Klassen 6.4 und 6.6.: Benbadra legt gleich auf Französisch los, ich gebe innerlich schon auf. Das Alphabet zum Warmwerden – alle Schülerinnen und Schüler in dem Stuhlkreis dürfen einen Buchstaben nennen. Kurze innerliche Freude, scheint doch vieles selbsterklärend zu sein. Es folgt eine Runde Galgenmännchen, wobei der Lektor seinen Vornamen erraten lässt. Auch wenn das Männchen schon fertig gezeichnet seinen Platz auf der Tafel gefunden hat, darf weitergeraten werden. Viel Wert legt er dabei auf die Aussprache. Vier bekannte Formen der Begrüßung kennt man in Frankreich: „Bonjour“, die förmliche Begrüßung. „Salut“ mit Küsschen links und Küsschen rechts, „Coucou“, zu Deutsch „Kuckuck“, ein gegenseitiges Zuwinken und das moderne „Wesh“, das Englische „What‘s up“ (Was geht?). Handschlag von links nach rechts und Faust gegeneinander. Fertig. „Die Begrüßung hat ihren Ursprung in Algerien“, berichtet Benbadra. Auf Französisch. Die Erfolgserlebnisse für mich werden größer, werden aber immer wieder gebremst. Spätestens dann, wenn Benbadra Spiele erklärt und Anweisungen gibt. Die Schülerinnen und Schüler verstehen, ich blicke ratlos. Gemeinsam werden die Begrüßungen im Kreis geübt, während Schulleiter Friedrich Bell auch einmal hereinschaut. „Die Schülerinnen und Schüler fangen bereits im sechsten Schuljahr mit Französisch an“, sagt er. Vier Monate haben die Kleinen also schon ihre zweite Fremdsprache, verstehen weitaus mehr als ich. Auch Bell ist stolz und erklärt: „Heute wird mehr auf das Sprechen wert gelegt, als auf das Büffeln von Grammatik.“

Zum Abschluss werden die Schülerinnen und Schüler in drei Teams aufgeteilt: „Croissant“, „Baguette“ und „Crêpes“. Dann legt Benbadra einige Tafeln mit Wörtern aus und spielt Musik ab. Wer eines dieser Wörter im Lied erkennt und sich schnell genug meldet, erspielt einen Punkt für sein Team. Am Ende gewinnt das „Team Croissant“. Die Reflektionsrunde wird dann wieder auf Deutsch gehalten: „Hat es euch gefallen?“, fragt der Lektor. „Ja, es hat Spaß gemacht, spielerisch zu lernen“, sagt ein Schüler, dreht sich schnell zu seiner Lehrerin um: „Bei Ihnen macht es natürlich auch Spaß.“ Abschließend fragt Benbadra, ob es alles leicht zu verstehen sei. Die Schüler sagen ja, ich sage Nein. Na dann: „Au revoir“.


Hier noch einige eigene Bilder von der Veranstaltung: