{"id":45931,"date":"2021-01-26T13:44:38","date_gmt":"2021-01-26T12:44:38","guid":{"rendered":"http:\/\/grimmels.de\/wordpress\/?page_id=45931"},"modified":"2021-01-26T13:44:38","modified_gmt":"2021-01-26T12:44:38","slug":"ludwig-pappenheim","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/grimmels.de\/wordpress\/ludwig-pappenheim\/","title":{"rendered":"Ludwig Pappenheim"},"content":{"rendered":"<p><strong><u>Ludwig Pappenheim<\/u><\/strong><\/p>\n<p><em>Teil 1: Die Geschichte, Ludwig Pappenheims<\/em><\/p>\n<p>Ein Schlag, dann ein zweiter und dann ein dritter. Ist es denn \u00fcberhaupt der dritte, oder schon der hundertste? Ich wei\u00df es nicht, ich wei\u00df nicht einmal, wie sp\u00e4t es ist, oder, wo oben und unten ist. In meinem Kopf dreht sich die Welt und ein Wirbel aus bunten Punkten liegt \u00fcber allem, was ich durch meine verquollenen kleinen Augen erkennen kann. Einige Minuten oder Stunden sp\u00e4ter schleifen sie mich endlich zur\u00fcck, mein R\u00fccken rei\u00dft durch den harten Stein auf, aber ich sp\u00fcre es kaum. Erst, als sie mich gegen die Innenwand meiner Zelle schmettern, keuche ich vor Schmerz auf und kr\u00fcmme mich auf dem Boden zusammen. Dort verharre ich mit flachem Atem, bis die beiden fort sind und Anton mir seine Hand auf die Schulter legt. Er greift mich vorsichtig unter den Armen und schleppt mich zu meinem Bett. Nun eigentlich ist es lediglich ein St\u00fcck Holz, das nur minimal weicher, als die Steinflie\u00dfen ist, aber nach den drei Monaten, die ich schon hier bin, wei\u00df ich nicht einmal mehr, wie sich ein richtiges Bett anf\u00fchlt. Eine Fl\u00fcssigkeit tropft \u00fcber mein Kinn hinweg auf den Boden, aber ich kann nicht sagen, ob es Rotz, Tr\u00e4nen oder Blut ist. Anton sitzt mir gegen\u00fcber auf dem Zellenboden, den R\u00fccken gegen die Wand gelehnt und starrt in die Leere. Gestern sa\u00df ich dort und er lag hier, nachdem sie mit ihm fertig waren. Zu Anfang haben wir beide noch viel miteinander geredet, mittlerweile fehlt uns die Kraft dazu. Er ist hier, weil er einen Mann gek\u00fcsst hat. Sie sagen, er w\u00e4re krank, verhalte sich unnat\u00fcrlich und m\u00fcsse geheilt werden. Mir kommt er nicht krank vor und selbst, wenn er es w\u00e4re, glaube ich nicht, dass das, was sie tun, ihn kurieren k\u00f6nnte. Ich bin wegen vielem hier. Weil ich Jude bin, weil ich Mitglied der SPD und der USPD war, wegen der Volksstimme, einer Zeitung, die ich gegr\u00fcndet habe und deren Chefredakteur ich war. Und, weil ich es einfach nicht gut sein lassen konnte. Aus meinen kurzzeitigen Verhaftungen 1918 und 1924 konnte ich mich schnell herauswinden, aber ich f\u00fcrchte, die Welt funktioniert nun nicht mehr so, wie sie sollte. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem alles bergab ging. Der 25. M\u00e4rz 1933. Sie sind j\u00e4h und pl\u00f6tzlich in unser Haus in Schmalkalden hereingest\u00fcrmt, wie die beiden vorherigen Male. Ich war mir sicher, dass ich bald wieder auf freiem Fu\u00df w\u00e4re, aber, wie es scheint, habe ich dabei sowohl die Gerechtigkeit als auch meinen eigenen Einfluss \u00fcbersch\u00e4tzt. Ein rechtm\u00e4\u00dfiger Haftbefehl, eine gerechte Verurteilung? Fehlanzeige, schlie\u00dflich ist das f\u00fcr Schutzgefangene nicht n\u00f6tig, wie ich zwar erfahren, aber nicht akzeptieren konnte. Dabei war bis dahin alles so gut gelaufen. Am 5. M\u00e4rz wurde ich erneut in den hessischen Landrat gew\u00e4hlt, sp\u00e4ter erfuhr ich dann, dass das Ergebnis f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt worden war. Und damals dachte ich noch, die Verlegung in das Konzentrationslager Breitenau w\u00e4re das Schlimmste, was mir je passieren k\u00f6nnte. Die W\u00e4rter waren grob und unfreundlich und auch dort habe ich Misshandlung erlebt, aber verglichen mit dem Ort, an dem ich jetzt bin, waren sie noch die H\u00f6flichkeit in Person. Es ist schon eine traurige Ironie, dass ich genau in der Einrichtung festgehalten wurde, deren F\u00fchrung ich noch zu meinen Zeiten als Provinziallandtagsabgeordneter kritisiert hatte. Ach ja, das Kritisieren. Es ist immer notwendig, aber ist um einiges leichter, wenn man am l\u00e4ngeren Hebel sitzt. Naiv und trotzig, dachte ich noch in Breitenau, dass ich das t\u00e4te. Ich habe geschrieben, viele scharfe Briefe, in denen ich mich \u00fcber die Justiz und die Nazis ausgelassen habe. Keine Sekunde lang habe ich daran gezweifelt, dass sie eine so einflussreiche Person, wie mich, nicht ohne weiteres festhalten k\u00f6nnten. Meine f\u00fcr den 21. Juli 1933 geplante Entlassung r\u00fcckte immer n\u00e4her und ich malte mir schon die rechtlichen Schritte, die ich in die Wege leiten w\u00fcrde, aus. Wie herrlich verblendet ich doch war, nicht zu erkennen, dass sich die Zeiten ge\u00e4ndert hatten. Als sie sich am Tag meiner Entlassung weigerten, mich gehen zu lassen, geriet meine Entschlossenheit das erste Mal ins Wanken. Zwei Tage sp\u00e4ter schrieb ich einen Entlassungsgesuch und bettelte praktisch, klammerte mich verzweifelt an jeden Strohhalm, den ich zu fassen bekam. Meine gute Gef\u00e4ngnisf\u00fchrung, meinen Dienst im Krieg, meine Familie. Doch es half nichts und w\u00e4hrend die Pflanzen im Oktober ihre Bl\u00e4tter zum Sterben abwarfen, brachte man mich am 18.10.1933 hierher, nach Neusustrum. Noch bin ich nicht tot, glaube ich zumindest, aber wenn das hier so weiter geht, dauert es nicht mehr lange.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist der heute der 4. Januar 1934 und ein guter Tag. Traurig, schwer und d\u00fcster, aber ruhig. Noch ist keiner gekommen, um einen von uns beiden abzuholen, wir haben Wasser und etwas zu essen. Meine R\u00fcckenverletzung von vor 10 Tagen ist gestern Nacht wieder aufgerissen, doch ansonsten geht es mir gut, zumindest, den Umst\u00e4nden entsprechend. Anton dagegen sieht furchtbar aus. Sein Gesicht ist mit Schnitten und sein Oberk\u00f6rper mit blauen Flecken \u00fcbers\u00e4ht, trotzdem sitzt er aufrecht auf seinem Bett und scheint nachzudenken. Seit heute Morgen, und das ist jetzt einige Zeit her, hocken wir beide schon schweigend und in Gedanken versunken da, doch jetzt fl\u00fcstert er etwas. \u201eWas hast du gesagt?\u201c, Ich r\u00fccke ein St\u00fcck in seine Richtung, um ihn besser verstehen zu k\u00f6nnen. \u201eHast du eigentlich Familie?\u201c, kr\u00e4chzt er diesmal etwas lauter. Ich krieche wieder zur\u00fcck. \u201eJa\u201c, antworte ich ihm, \u201eMeine Frau und 3 Kinder.\u201c \u201eWie alt?\u201c, hakt er nach. Ich muss einen Moment \u00fcberlegen: \u201eFrieda, meine Frau, ist jetzt 37. Ruth m\u00fcsste jetzt 9 und G\u00fcnther 8 sein. Und Kurt 6. Ich habe auch noch eine Stieftochter, Erna, aber sie ist, glaube ich, schon 20 Jahre alt.\u201c \u201eUnd denkst du, dass deine Frau versucht, dich hier rauszuholen?\u201c Auch diese Frage muss ich erst einmal sacken lassen: \u201eIch hoffe nicht, letztendlich w\u00fcrde das ihnen allen nur schaden. Das Beste, was Frieda jetzt machen kann, ist, die F\u00fc\u00dfe stillhalten und hoffen, dass die Nazis sie vergessen.\u201c Anton nickt verst\u00e4ndnisvoll. \u201eMeinen Freund haben sie erschossen.\u201c, sagt er verbittert, \u201eIch hoffe, dass es deiner Familie besser ergeht.\u201c \u201eIch auch\u201c, fl\u00fcstere ich und sinke mit geschlossenen Augen gegen die Steinwand. Und so sitzen wir beide wortlos in der Dunkelheit, schon fast in den Tiefschlaf gesunken, bis uns das Knallen der Zellent\u00fcr aufschrecken l\u00e4sst. Sie sind also doch gekommen, sogar noch so sp\u00e4t. \u201eLudwig Pappenheim!\u201c, ruft einer der beiden Wachm\u00e4nner barsch, \u201ekommen Sie mit uns!\u201c Heute bin ich es also. Seufzend stehe ich auf und folge dem, der gesprochen hat, humpelnd auf den Gang hinaus. Hinter mir geht der zweite Mann und richtet sein Gewehr drohend auf meinen R\u00fccken. Als ob ich eine Gefahr darstellen w\u00fcrde. Entgegen meiner Erwartungen steuern sie aber nicht auf den Folterraum zu, sondern eskortieren mich zielstrebig zum Eingang der Einrichtung. Dort steht ein schwarzer Transporter bereit, die beiden packen mich und zerren mich in den Innenraum. Das Fahrzeug setzt sich ruckelnd in Bewegung. \u201eWohin fahren wir?\u201c, wage ich zu fragen. \u201eDas wirst du noch sehen\u201c, sagt einer der zwei l\u00e4chelnd und h\u00e4lt weiterhin sein Gewehr auf mich gerichtet. Ob der Landrat wohl meine Verlegung in ein anderes KZ beantragt hat. Laut ihm sollte ich ja eigentlich nach Osnabr\u00fcck kommen, vielleicht ist es ja jetzt soweit. Unerwarteter Weise kommen wir jedoch schon wenige Minuten sp\u00e4ter zum Stehen. Einer der M\u00e4nner \u00f6ffnet die T\u00fcr, drau\u00dfen ist es schon stockdunkel. Er dreht sich zu mir um und sagt auf einmal in einem viel ruhigeren, aber ernsten Ton: \u201eLaufen Sie jetzt, schnell. Die werden sich bald fragen, wo Sie geblieben sind.\u201c Ich bin sichtlich perplex, als ich das h\u00f6re. Kann das wirklich sein? Komme ich endlich hier heraus? Ich bin schon halb auf den Beinen, als mir auf einmal auff\u00e4llt, dass die beiden immer noch ihre Gewehre umklammert haben. Und nicht nur das: Der zweite Wachmann hat sich von mir weggedreht, doch aus dem Augenwinkel kann ich erkennen, dass er M\u00fche hat, seine Mundwinkel unten zu halten. Er lacht, er will es nicht zeigen, aber er lacht mich aus. Die wollen mir nicht zur Flucht verhelfen. Das wird eine Exekution. Langsam setzte ich mich wieder. Ich sollte eigentlich Panik haben, doch stattdessen f\u00fchle ich eine seltsame Leere in mir. Friedlich, aber gleichg\u00fcltig. \u201eNein!\u201c, sage ich, \u201eTut es hier. Ich will dieses Spiel nicht mitspielen, ich bin kein Karnickel, dass man in seinen Tod hetzt.\u201c Die beiden wechseln einen Blick. \u201eWie du willst\u201c, sagt der Kr\u00e4ftigere der beiden und versetzt mir eine Tritt, der mich aus dem Wagen schleudert. B\u00e4uchlings liege ich am Boden, den Mund voller Erde und habe weder die Kraft, mich aufzurichten, noch die Hoffnung, dass es mich retten wird. Also bleibe ich, wo ich bin, st\u00f6hne nicht, weine nicht und bettle nicht. Ich bin bereit zu gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sarah Schum (10.5)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig Pappenheim Teil 1: Die Geschichte, Ludwig Pappenheims Ein Schlag, dann ein zweiter und dann ein dritter. Ist es denn \u00fcberhaupt der dritte, oder schon der hundertste? 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