{"id":31208,"date":"2016-06-29T16:12:59","date_gmt":"2016-06-29T14:12:59","guid":{"rendered":"?p=31208"},"modified":"2016-06-29T16:37:21","modified_gmt":"2016-06-29T14:37:21","slug":"er-war-dann-mal-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/grimmels.de\/wordpress\/er-war-dann-mal-weg\/","title":{"rendered":"Er war dann mal weg"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Joschua Neeb verbringt einen vierw\u00f6chigen individuellen Austausch in Santiago de Compostela \/Spanien<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es ist schon ein komisches Gef\u00fchl, morgens in seinem heimischen Bett aufzuwachen und zu wissen, ein paar Stunden sp\u00e4ter w\u00fcrde man 2400 Kilometer entfernt sein.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_0_placeholderSantiago de Compostela, ist das nicht die Stadt, in der der weltber\u00fchmte Jakobsweg endet? Genau, das ist sie. Leider h\u00e4tte mir f\u00fcr den Weg der Pilger die Zeit nicht gereicht, da mich das Grimmelshausen Gymnasium f\u00fcr vier Wochen vom Unterricht befreit hatte, damit ich diese Zeit an einer spanischen Schule verbringen konnte. Dank Lufthansa und Swissair gelang ich so im Nu \u00fcber Z\u00fcrich nach Santiago de Compostela. Die Metropole mit 96.000 Einwohnern ist zugleich Hauptstadt der Region Galizien sowie ein begehrtes Ziel f\u00fcr Tausende von Pilgern. Das Flair dieser Stadt durfte ich in den n\u00e4chsten vier Wochen entdecken. Einer der wichtigsten Aspekte meines Auslandsaufenthaltes war meine Gastfamilie, die mir von Anfang an sehr sympathisch erschien. Ich hatte das Vergn\u00fcgen bei dem 17j\u00e4hrigen Rodrigo Bello im sch\u00f6nen Vorort Milladoiro wohnen zu d\u00fcrfen. Dessen Eltern M\u00f3nica Raposo und Juan Bello empfingen mich genau wie ihr Sohn mit offenen Armen. Sofort wurde ich in das Familienleben integriert. Sehr bald lernte ich den Rest der Familie kennen, bestehend aus Urgro\u00dfmutter, Gro\u00dfeltern, Tante und Onkel sowie Cousin. Bei regelm\u00e4\u00dfigen Familientreffen, aber auch im kleinen Kreise meiner Gastfamilie, kam ich in den Genuss der au\u00dfergew\u00f6hnlichen spanischen und galizischen K\u00fcche. Pulpo, \u00fcbersetzt Tintenfisch, Tortilla, spanischer Schinken sowie Muscheln geh\u00f6rten hierbei zu meinen Leibgerichten.<br \/>\nDie Woche \u00fcber begleitete ich Rodrigo in die Schule. Rosal\u00eda de Castro hie\u00df die mitten im Zentrum von Santiago gelegene offizielle Partnerschule des GGG, die ich einen Monat lang als Gastsch\u00fcler erkundete. Der Schulleiter Ubaldo Rueda und die Deutschlehrerin Gemma Paredes, selbst in Deutschland aufgewachsen, unterst\u00fctzten mich durchgehend mit ihrer warmen, willkommen hei\u00dfenden und hilfsbereiten Art. Dank eines gut konzipierten Stundenplans, der f\u00fcr mich Unterricht in der 10. sowie 11.Klasse vorsah, hatte ich die M\u00f6glichkeit, am spanischen Schulalltag in vielf\u00e4ltiger Art und Weise teilzunehmen. Gl\u00fccklicherweise begann die Schule erst um neun Uhr, sodass ich immer etwas l\u00e4nger als in Deutschland schlafen konnte. Allerdings endeten die Klassen daf\u00fcr erst um 14.30 Uhr, montags sogar um 18.30 Uhr. Folglich war der Tagesverlauf auch etwas anders als in Deutschland. Man a\u00df um 15 Uhr zu Mittag, drei bis vier Stunden sp\u00e4ter gab es Kaffee und Kuchen. Das Abendessen stand meistens um 22 Uhr auf dem Tisch.<br \/>\nVon Anfang an fiel mir die Sprachenvielfalt am Rosal\u00eda de Castro auf. Mathematik und Geschichte wurden entweder auf Englisch oder Spanisch unterrichtet, w\u00e4hrend in Galizisch, Biologie und Philosophie ausschlie\u00dflich die galizische Sprache verwendet wurde. Spanische Literatur, Ethik, Chemie und Physik fanden in Spanisch statt, wobei in letzteren beiden F\u00e4chern die Arbeitsbl\u00e4tter auf Galizisch waren. In den Fremdsprachen Englisch, Deutsch, Franz\u00f6sisch oder Portugiesisch sprach man nat\u00fcrlich kein Spanisch oder Galizisch.<br \/>\nAllgemein wurde mir w\u00e4hrend meines Aufenthaltes klar, dass die Koexistenz von Galizisch und Spanisch nicht einfach zu beschreiben ist. Rodrigo beispielsweise ist galizischer Muttersprachler, kommuniziert mit seinen Freunden jedoch in Spanisch.<br \/>\nF\u00fcr mich pers\u00f6nlich war diese andauernde Zweisprachigkeit sehr interessant, genau wie die dortige Unterrichtsgestaltung. Viele Lehrer redeten die ganze Stunde \u00fcber und die Sch\u00fcler durften zuh\u00f6ren. M\u00fcndliche Mitarbeit gab es fast gar nicht, daf\u00fcr machten Klausuren fast 100 Prozent der Note aus. Das Fach, in dem ich am meisten verstand, war der Deutschunterricht. In diesen Unterrichtsstunden wurde mir klar, wie schwer es f\u00fcr einen Nichtmuttersprachler doch sein muss, die deutsche Sprache zu lernen. Wie f\u00fchlt man sich als einziger Deutscher inmitten von Spaniern? Meine Erfahrungen sind ausschlie\u00dflich als positiv zu beschreiben. Beide Klassen nahmen mich von Anfang an in ihre Gemeinschaft auf. Besonders viele interessierten sich f\u00fcr meinen kulturellen Hintergrund und stellten mir Fragen zu Deutschland. Ich konnte viele Freundschaften kn\u00fcpfen und traf mich mit einigen Leuten auch au\u00dferhalb der Schulzeit. Zusammen mit Rodrigo und seinen Freunden erkundeten wir zum Beispiel die verschiedenen Bars von Santiago, schauten das Champions-League-Finale zwischen Real Madrid und Atl\u00e9tico Madrid oder chillten einfach im Stadtpark.<br \/>\nInsgesamt wollte ich viele spanische Menschen kennenlernen und begleitete Rodrigo daher bei vielen Alltagssituationen, zum Beispiel in die Englischakademie, den Konfirmandenunterricht, der in Spanien f\u00fcr Katholiken bestimmt ist, oder einfach zum Friseur. Eine weitere Inspiration f\u00fcr mich stellte das spanische Fernsehen dar. Durch Serien wie \u201eHow I met your mother\u201c, in Spanisch \u00fcbrigens \u201eC\u00f3mo conoc\u00ed a su madre\u201d, oder die Simpsons konnte ich ohne gro\u00dfe Anstrengung und mit Freude meine Sprachkenntnisse verbessern. Man kann nun also sagen, dass ich Santiago de Compostela mit all seinen Facetten kennengelernt habe.\u00a0 Besonders im Ged\u00e4chtnis bleibt mir die weltber\u00fchmte Kathedrale, in der sich das Grab des Heiligen Jacobus befindet. Zwar fehlten mir durch meine Anreise die spirituellen Erfahrungen, die man als Pilger auf dem Jakobsweg machen soll. Doch in diesem besonderen Moment, als ich von unz\u00e4hligen Pilgern aus der ganzen Welt umgeben war, konnte ich trotzdem das Heilige Ambiente in mich aufsaugen. Meine Gastfamilie sorgte durch weitere erlebnisreiche Ausfl\u00fcge f\u00fcr die Erweiterung meines geografischen Horizonts. Ich lernte durch sie die sch\u00f6nsten Stellen Galiziens kennen. Kap Finisterre, den westlichsten Punkt Europas, werde ich nie vergessen. Dort angekommen, konnte man nichts anderes bewundern als das tiefe Blau des Atlantischen Ozeans. La Coru\u00f1a, eine Hafenstadt im Norden der Region, verzauberte mich mit ihrem marinen Flair. Einen absoluten H\u00f6hepunkt stellte f\u00fcr mich jedoch ein Tagesausflug ins benachbarte Portugal dar. In Porto, der sogenannten \u201eheimlichen Hauptstadt Portugals\u201c hatte ich nun die M\u00f6glichkeit, auch die portugiesische K\u00fcche zu genie\u00dfen. Zudem hatte ich vorher noch nie so farbenfrohe H\u00e4user wie in jener Atlantikmetropole gesehen. Leider kam viel zu schnell der Moment des \u201eAdi\u00f3s-Sagens\u201c. Bei einem Abschiedsfest lie\u00dfen wir mit Liedern wie \u201eBailamos hasta las diez\u201c\u00a0 von Enrique Iglesias meine unglaublich sch\u00f6nen vier Wochen ausklingen. Ehe ich mich versah, sa\u00df ich schon wieder im Flieger und steuerte auf Frankfurt zu, wo ich meine Eltern in die Arme schlie\u00dfen konnte.<br \/>\nR\u00fcckblickend war dieser Einzelaustausch eine tolle M\u00f6glichkeit, besonders tief in die Kultur und das Alltagsleben Spaniens einzutauchen, meine Sprachkenntnisse enorm zu verbessern sowie viele kostbare Freundschaften zu kn\u00fcpfen, die im Moment leider auf eine rege WhatsApp-Kommunikation reduziert sind. Rodrigo m\u00f6chte mich auch bald in Deutschland besuchen, worauf ich mich sehr freue.\u00a0 Ich pers\u00f6nlich hoffe, irgendwann wieder nach Santiago zur\u00fcckkehren zu k\u00f6nnen. Vielleicht dann \u00fcber den Jakobsweg, zumindest auf dem Hinweg. Wer wei\u00df?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joschua Neeb verbringt einen vierw\u00f6chigen individuellen Austausch in Santiago de Compostela \/Spanien Es ist schon ein komisches Gef\u00fchl, morgens in seinem heimischen Bett aufzuwachen und zu wissen, ein paar Stunden sp\u00e4ter w\u00fcrde man 2400 Kilometer entfernt sein. Santiago de Compostela, ist das nicht die Stadt, in der der weltber\u00fchmte Jakobsweg endet? Genau, das ist sie. 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