(von Sabine Hartmann)
Seit 1998 besteht die offizielle Partnerschaft zwischen Hessen und dem US-Bundesstaat Wisconsin. Für Schulleitungsmitglieder gibt es jedoch erst seit 2014 die Möglichkeit an einem einwöchigen Austausch teilzunehmen. In diesem Jahr war Sabine Hartmann, Leiterin des Fachbereichs I am GGG, eine von insgesamt sechs hessischen Schulleitungsmitgliedern, die vom 17. – 27. Oktober in Wisconsin weilten. Ziel des Austausches ist es, Kenntnisse über die Schul- und Bildungspolitik beider Seiten zu vermitteln.
Frau Hartmanns Partner Tom Chambers ist Schulleiter an der High School in Black River Falls, eine Kleinstadt mit ca. 3400 Einwohnern 2,5 Autostunden nordwestlich von Madison, der Landeshauptstadt von Wisconsin. Eine Woche lang begleitete sie ihren Partner bei seiner Arbeit an der BRFS High School und erhielt viele Einblicke in das dortige Schulleben.
Seit Sommer diesen Jahres hat die Schule einen neuen Eingangsbereich mit Cafeteria, alles sehr hell und freundlich gestaltet, und natürlich auch in den Schulfarben (orange) und mit dem Schulemblem (Tigers). Die Identifizierung mit der Schule spürt man bei der Schülerschaft und dem Kollegium gleichermaßen, und das nicht nur beim Volleyballmatch der Mädchenmannschaft an einem Dienstagabend in der Schulturnhalle, sondern zum Beispiel auch beim „Student of the month“ Frühstück , wo Schüler/innen von Lehrkräften in Anwesenheit der Eltern für eine besondere Leistung ausgezeichnet werden, und das vor dem offiziellen Schulbeginn (7:15 – 7:45 Uhr).
Die BRFS HS wird von ca. 500 Schülern (Jahrgangsstufen 9 – 12) besucht. Der Unterricht beginnt um 7:45 Uhr und endet um 15:30 Uhr. In der ersten Stunde sind die Schüler mit ihrem Klassenlehrer zusammen (Homeroom Teacher); sie können frühstücken , verfolgen per Video die Ankündigungen, leisten den Treueeid auf die Fahne (pledge of allegiance) und werden vom Klassenlehrer beraten. In der letzten Unterrichtsstunde, der sog. „focus“ Stunde, findet so etwas wie individueller Förderunterricht statt. Seit dem Schuljahr 2013/14 erhält jeder Schüler ein Laptop, das er natürlich im Unterricht und daheim zur Erledigung von Aufgaben nutzen soll. Überhaupt beeindruckte der Fokus auf dem Einsatzmoderner (und funktionierender!) Technologie im Klassenzimmer. Allerdings gab es natürlich auch Stunden, wo die Medien nicht eingesetzt wurden.
Tom Chambers ermöglichte Frau Hartmann auch einen direkten Zugriff auf CANVAS, ein sog. Learning Management System, das seit diesem Schuljahr von allen Mitgliedern der Schulgemeinde genutzt wird und das u.a. Schüler, Lehrer, Eltern enger vernetzt. So können Eltern alle Noten ihres Kindes direkt online abrufen (und wer schon einmal an einer amerikanischen High School war, weiß, dass mitunter jeden Tag etwas eingesammelt und benotet wird, also mit einem „grade“ versehen wird.) Voraussetzung ist natürlich, dass die Lehrkraft auch alles direkt in das System einspeist, ein Prozess, der z.Zt. an der BRFS HS noch optimiert wird. Klar ist, dass die Einführung eines solchen Systems nur mit viel Überzeugungsarbeit und Fortbildungsaufwand zu leisten ist. In den Konferenzen in der Schule und auf der Distriktebene (School Board of Education) wurde aber sehr viel Wert gelegt auf eine gemeinsame Strategie zur Realisierung dieses Vorhabens.
Während der Austauschwoche nahm Frau Hartmann an nahezu allen Konferenzen und Besprechungen ihres Partners mit unterschiedlichen Mitgliedern und Gremien in der Schule und im Schulbezirk teil, sodass so mancher Schultag erst am späten Abend endete.
Natürlich gab es auch Gelegenheit den Unterricht in einzelnen Fächern wie z.B. Englisch, Spanisch, Ho-Chunk (gehört zur Sioux-Sprachfamilie), Kunst oder Geschichte zu besuchen. Besonders interessant war auch die Tatsache, dass es sich bei BRFS HS wie bei allen US High Schools um einen inklusive Schule handelte. So gibt es eine Reihe von sog. „aids“, die Kinder mit besonderen Bedürfnissen durch den Schulalltag begleiten. Ebenso werden sie stundenweise durch eine Förderschullehrerin aus dem Klassenunterricht genommen und individuell oder in Kleingruppen gefördert.
Weiterhin standen zahlreiche Gespräche mit Vertretern der Stadt auf dem Programm, wie dem Bürgermeister, dem Leiter der Polizei, dem Eigentümer von D&S Manufacturing, den Leitern des Western Technical College ,der Co-Op Credit Union sowie dem Besitzer der Sand Creek Brauerei. Beeindruckend war die Führung durch das noch nicht ganz fertiggestellte Gemeindezentrum mit seinen schon jetzt riesigen Ausmaßen, das mithilfe der großzügigen finanziellen Unterstützung der Lunda Familie in unmittelbarer Nachbarschaft zur Schule entsteht. Black River Falls mag zwar eine kleine Gemeinde sein, aber viele ihrer Einwohner verstehen sich als wichtiger Teil dieser Gemeinschaft, für die man sich auf unterschiedliche Art und Weise engagiert, ganz im Sinne der ursprünglichen Idee des amerikanischen Traums.
Alles in allem ging die Woche viel zu schnell vorbei. Der Abschluss bildete ein Treffen mit allen deutschen Partnern im Department of Public Education (dem Kultusministerium von Wisconsin) in Madison. Nach einem kurzen Erfahrungsaustausch informierten Vertreter des DPI über den Umgang mit Inklusion an Schulen in Wisconsin. Am Ende ging es noch auf einen Drink in einen irischen Pub in Madison und dann war die Woche auch schon vorbei. Der Austausch setzt sich jedoch im Juni nächsten Jahres fort. Dann erwartet Frau Hartmann ihren Partner Tom Chambers hier am GGG. Natürlich bleibt man bis dahin in Kontakt, denn eines war beim Abschied von Tom Chambers und seiner Frau Verona klar: Die Woche war der Beginn einer Freundschaft. Und natürlich sollen Kontakte zwischen beiden Schulen folgen!
| „I could not have wished for a better placement, a more professional partner than Tom for my first educational visit in Wisconsin!” |
Wer mehr über BRFS HS erfahren möchte, hier ist der Link: www.brf.org/hs
Ein Bericht über den Austausch erschien auch im Jackson County Chronicle vom 4. November (Verfasserin: Cassie Colson): https://lacrossetribune.com/jacksonchronicle/news/local/education/school-welcomes
Hier sind ein paar Fotos von meinem Aufenthalt in Black River Falls.

