Eine Doppelstunde Geschichte der besonderen Art konnten am 19.11.2025 interessierte Oberstufenkurse und Mitglieder des ,,Facts not Fiction”-Projektteams erfahren: Der angesehene Historiker Prof. Dr. Wolfgang Benz, welcher erst dieses Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für seine Arbeit im Feld der Antisemitismusforschung geehrt wurde, erzählte in einem Kurzvortrag über Geschichte und Charakteristika des Antisemitismus und beantwortete im Anschluss verschiedene Fragen der anwesenden Lernenden.
Der Andrang an diesem Mittwochmorgen war so groß, dass die Stühle nicht ausreichten und vereinzelt Lehrer und Schüler auf Tischen sitzen mussten. Das tat der guten Laune, die Wolfgang Benz versprühte, jedoch keinen Abbruch. Humorvoll und gar nicht trocken, wie man es einem Historiker vielleicht attestieren würde, erzählte er kurz über seinen Werdegang und wie er in die Geschichtswissenschaft fand.
Benz leitete jahrelang das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010. Sein Kerngebiet war hierbei insbesondere die Vorurteilsforschung, wodurch er sich nicht nur intensiv mit antisemitischen Strukturen, sondern auch mit Antiziganismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus beschäftigte. Viele seiner Werke gehören zu Standardliteratur in der Nationalsozialismus-Forschung und er genießt hohes internationales Ansehen.
Daher war es kaum verwunderlich, dass nach anfänglichem Zögern eine Hand nach der anderen nach oben ging, um dem Gast eine Frage zu stellen. Manch einer wollte etwas über seine Einschätzung zum Nahostkonflikt, der israelischen Regierung unter Premier Netanjahu oder der Möglichkeit einer Zwei-Staaten-Lösung wissen, wieder andere interessierten sich für biographische Details, die Situation in Deutschland und wie der wachsende Antisemitismus hierzulande bekämpft werden könne. Dabei wurde eine Haltung Benz’ besonders deutlich: Denkt nicht in Extremen, kommuniziert miteinander! Erst vor wenigen Wochen hatte er sich in einem Hamburger Hörsaal mit palästinensischen Studierenden unterhalten – von den Medien als ,,Terroristen” diffamiert, erlebte Benz jedoch aufgeschlossene junge Menschen, die alles andere als gewalttätig seien.
Benz selbst gilt als entschlossener Kritiker des Krieges im Gaza-Streifen. Seiner Ansicht nach hätte die israelische Seite schon vor 10 bis 15 Jahren ein Angebot für eine Zwei-Staaten-Lösung vorlegen sollen, was jedoch nicht geschah. Jetzt sei die Situation verfahrener denn je, und eine solche Lösung werde unwahrscheinlicher. Als große Gefahr im gegenwärtigen Diskurs sehe er die Vermischung von Begriffen an: Der Staat Israel sei nicht die Religion Judentum; Kritik an Israel richte sich in vielen Fällen ausdrücklich nicht gegen jüdische Menschen.
Zudem moniert Benz das Spannungsfeld, das größer werde: Er sei nüchterner Wissenschaftler, jedoch wollten die Medien und die Politik ihn gleichermaßen vereinnahmen und bewerten. So sei er schon als Antisemit bezeichnet worden, weil er unter anderem darauf hinwies, dass es möglich sein könnte, dass die momentane Islamophobie in Europa Züge eines Antisemitismus der 1930er Jahre aufweise.
Gegen Ende unterstrich Wolfgang Benz erneut die Bedeutung der gegenseitigen Kommunikation im politischen Diskurs. Er selbst sei 84 Jahre alt und habe nicht mehr die Kraft, sich so um alles zu kümmern, wie er es früher getan habe. Der Appell ging direkt auf uns Schülerinnen und Schüler über: Die versöhnlichen und klugen Worte von Herrn Benz in den Alltag und die Diskussion zu tragen, um sich dem derzeitigen Trend von verbaler Aufrüstung und emotionaler Abschottung zu widersetzen.
Wir danken Prof. Dr. Wolfgang Benz für einen erkenntnisreichen Vortrag mitsamt spannender Fragerunde sowie dem Rabbinerhausverein Gelnhausen für die Vermittlung dieses besonderen Gastes.
Max Rümmele