Etwas bewirken wollen gegen den Krieg

Schülerinnen des Grimmelshausen-Gymnasiums gewinnen ersten Preis des Bertha-von-Suttner-Friedenspreises für die Jugend

Wir gewöhnen uns, wir schieben beiseite. Wir halten es nicht aus, uns permanent damit auseinanderzusetzen. Mit dem Thema Krieg, der uns so nahe gerückt ist.

Schülerinnen der AG Kreatives Schreiben des Grimmelshausen-Gymnasiums hingegen wollten genau das: sich auseinandersetzen, etwas bewirken. Eigentlich war ihr Jahresprojekt beendet, eigentlich hätten sie sich in die Osterferien begeben können. Und taten genau das Gegenteil.

Sie hatten sich monatelang mit Jacob Christoffel von Grimmelshausen beschäftigt, dem berühmten, in Gelnhausen geborenen Barockautor. Schnell war klar: Er, der lange im Krieg gedient hatte und Pazifist geworden war, musste eine Rolle spielen. Und es war klar, dass er der Schriftstellerin und Pazifistin Bertha von Suttner begegnen musste. Aber das genügte nicht, die Geschichte bot mehr interessante Figuren, die sich zum Thema Krieg und Frieden äußern konnten. So gesellten sich noch ein französischer Revolutionär, eine Flower-Power-Hippie-Frau und Dimitri Peskow, der aktuelle Kremlsprecher, zu der Diskussionsrunde mit Personen aus je einem Jahrhundert, vom 17. bis heute.

Und danach begann die richtige Arbeit – in der ersten Osterferienwoche, bei der aus den anfänglichen Überlegungen ein Podcast wurde. Die begleitende Lehrerin Bettina Mähler stellte ein Etherpad (eine temporäre Website) mit den Fragen der Diskussionsrunde zur Verfügung, hier sammelten die Schülerinnen ihre Argumente, jeweils aus der Perspektive ihrer gewählten historischen Person. Anschließend traf sich die Gruppe, legte eine Reihenfolge der Argumente fest, verteilte die Moderation, probte, die Lehrerin nahm auf. Zudem kam jede verkleidet mit dem, was zur Verfügung stand. Der Podcast wurde lang, zwanzig Minuten. Ein Titel musste her: „Grimmels-Talk um Neun“.

Fotos der kostümierten Gruppe, der Podcast, das zehn Seiten umfassende Manuskript und ein langer begleitender Brief gingen an die Jury, die schon ein paar Wochen später antwortete: die fünf Schülerinnen sollten den ersten Preis erhalten, allerdings unter einer Bedingung: einer Live-Aufführung während der Preisverleihung. Die Gruppe probte wieder, viele Male, musste im Schnelldurchlauf das Schauspielern lernen, mit Körpersprache, Mimik, Gestik und Stimme arbeiten.

Im imposanten Saal des Hauses am Dom in Frankfurt – mit Blick durch die großen Glasscheiben auf den Dom – führten sie den Podcast dann während der Preisverleihung am vergangenen Donnerstag sehr überzeugend vor: So saß und sprach Frau Bertha von Suttner so wohlerzogen, wie es sich einer adligen Dame gehörte. So gestikulierte die Flower-Power-Frau wild gegen jedes Argument pro Krieg. So sprach der resignierte Grimmelshausen ruhig und altersmüde gegen die Schrecken des Krieges an. So argumentierte der Revolutionär am ganzen Körper aufgeregt für einen Krieg von unten, aber nicht von oben. Darüber thronte siegesgewiss, alle Vorwürfe abwehrend, mit fester Stimme und gänzlich überzeugt von sich der russische Kriegshetzer Dimitri Peskow.

Die Laudatio auf die insgesamt fünf Preisträger hielt der Berliner Filmkomponist Leonardo Mockridge, Ur-Ur-Ur-Ur-Großneffe Bertha von Suttners. Er würdigte die Grimmels-Schülerinnen u. a. mit folgenden Worten: „Der theatrale Ansatz, aus seiner eigenen Situation herauszutreten, durch einen versetzten Blickwinkel und durch ein Rollenspiel eine neue Erkenntnis zu gewinnen, der schafft Veränderung, weil ich anders herausgehe als ich hineintrat. Das Einfühlungsvermögen, vielleicht jemand anderes sein zu können, ist im Kern ein pazifistischer Zugriff.“  

Ausgelobt wurde der Preis von der GEW Hessen, dem Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Pax Christi Rhein Main und der DVG-VK – Deutsche Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegnerinnen, Regionalgruppe Frankfurt. Er ist mit einer Studienreise dotiert.

Preisträgerinnen: Johanna Bonin, Cornelia Ott, Vivian Rugowsky, Sarah Stock, Leonie Lena Strobel.

Die Dankesworte der Schülerinnen nach der Laudatio

Ich freue mich über den Preis, weil wir als Gruppe den Titel dieser Frau tragen können, die ihrer Zeit voraus war und immer Stärke bewiesen hat. Es erfüllt mich mit großem Stolz, ihr Erbe in die Welt tragen zu dürfen.

Sarah Stock

Für mich ist es eine große Ehre, gerade angesichts des Ukraine-Krieges einen Friedenspreis verliehen zu bekommen und damit zu zeigen, klar für Frieden und gegen das Grauen des Krieges zu stehen. Leonie Lena Strobel

Ich bin dankbar für diesen Preis, da wir alle so die Möglichkeit bekommen durften, unseren kleinen Beitrag zu etwas mehr Frieden in der Welt zu leisten und etwas bei den Menschen bewirken konnten.
Cornelia Ott

Ich freue mich über den Preis, weil Bertha von Suttner für mich in dieser schweren Zeit mit einem Krieg in Europa ein unglaublich großes Vorbild ist. Zudem hat sie als erste Frau den Friedensnobelpreis verliehen bekommen.

Vivian Rugowsky

Auch ich möchte mich herzlich für diesen Preis bedanken, weil wir als Gruppe etwas zu diesem Thema entwickeln durften, unter einem für mich neuen Blickwinkel. Leider hat das Thema, für das die vorbildhafte Frau Bertha von Suttner unter anderem steht, nicht an Aktualität verloren.
Johanna Bonin