PREMIERE Theater-AG des Grimmelshausen-Gymnasiums entführt Büchners „Leonce und Lena“ in die Neuzeit
GELNHAUSEN. Wer den Leiter der Theater-AG des Grimmelshausen-Gymnasiums (GGG), Paul Ciupka, kennt, der weiß, was ihn erwartet: Alles, nur keine Langeweile. Diese plagt allerdings Leonce, seines Zeichens Protagonist von Georg Büchners „Leonce und Lena“, das Ciupka in diesem Jahr inszenierte, in der Spielleitung unterstützt von Christine Heinrich und Kathrin Kascha. Am Wochenende fiel der Vorhang. Sabine Hartmann, Fachbereichsleiterin Sprachen, begrüßte das Publikum in der nicht voll besetzten Aula und dankte allen Beteiligten und Unterstützern, insbesondere den Ehemaligen, für ihren Einsatz. Weiterhin zollte sie der Leistung der Schüler allen Respekt, da einige von ihnen mitten in der Abiturphase stehen – in dieser Woche stehen mündliche Prüfungen an. Sie haben keine Zeit für Langeweile. Anders als Leonce, in dessen Figur Büchner seine eigenen Erfahrungen und Ängste kanalisierte. So heißt es gleich zu Beginn: „Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile.“ In einer albtraumhaften Sequenz erwacht Leonce (Roger Wilhelm) inmitten von bewusst minimalistischer Kulisse, umringt von schwarz gekleideten gesichtslosen Gestalten. Stroboskoplicht und monotone elektronische Musik unterstreichen die beklemmende Stimmung. Seine Ängste werden klar aufgezählt, die größte: eine vorbestimmte Braut heiraten zu müssen und als Drahtpuppe, Marionette eines rigiden Systems zu enden. Mit dem Auftreten von Valerio (Jessica Erlebach), seinem unermüdlich optimistischen Gegenpol, verschwinden die Nachtgespenster. Leonce klagt ihm sein Leid. „Einmal anders sein zu können“, das ist sein Wunsch. Warum dann in einer Welt der Vernunft „nicht mal irrenärrisch sein?“, hinterfragt Valerio und setzt damit den Ton für den weiteren Fortgang. Valerios freche, offen zur Schau gestellte Extravaganz reibt sich heftig mit Leonce und dessen Oszillieren zwischen Selbstmitleid, Ennui und Euphorie. In Schieflage Als komödiantisches Zwischenspiel dient König Peter von Popo – Leonces Vater (Jan Pospischil) – mit seinem Hofstaat. Hilflos steht er nur in Unterwäsche auf der Bühne und sinniert über das politische Tagesgeschäft. Seine Frau (Amanda Konieczna) erst hilft ihm tatkräftig dabei, seine Kleidung anzulegen. Mit feinem Wortwitz bezieht der König dabei die Lage des politischen Körpers auf seine eigene, so redet er etwa vom „System in Schieflage“, als er auf einem Bein stehend versucht, einen Schuh anzuziehen. Die Unfähigkeit, einfachste Tätigkeiten in seinem Zustand offensichtlicher Konfusion zu erledigen, wird dabei wiederholt kontrastiert mit seiner völlig überzeugten Darbietung typischer politischer Floskeln der Gegenwart. Hier hat Ciupka beim Schreiben Büchners Geist aus dem engen Großherzogtum Darmstadt der Vergangenheit in das heutige Deutschland transportiert. An die Stelle von politischen Anspielungen, die, so Ciupka, „heute keiner mehr verstehen würde“, traten Fragmente aus Reden von Angela Merkel. Bemerkenswert ist in Ciupkas Aufführungen immer auch die überlegt eingesetzte Musik: Jedem Charakter wird ein „Thema“ zugeordnet. In diesem Stücke überwiegt die melancholische Seite der 00er/90er Jahre mit Peter Gabriels „Darkness“ (Leonce), „Once in a lifetime“ von den Talking Heads (Valerio) sowie „Lullaby“ von The Cure (Lena). Doch auch jenseits von eingespielter Musik geht es auf der Bühne klanglich hoch her. Leonces Geliebte, Rosetta, sitzt alleine im Scheinwerferlicht, mit einer Akustikgitarre, während der gelangweilte Prinz auf der Bühne symbolisch seine Liebe für sie begräbt. Sie singt die Hymne der „Generation X“, „Smells like teen spirit“ von Nirvana. „Here we are now, entertain us“, heißt es da treffend. Ganz ohne Lärm, zart, voller Gefühl und Verzweiflung trägt Rosetta (Marei Debertin) das Lied vor. Depressiv-melancholisch geht es auch weiter, als Lena (Mahalia Slisch) ihren ersten Auftritt hat. In einem – wie ihr musikalisches Thema – an den Gothic der 80er Jahre angelehnten Outfit singt sie „Auf dem Kirchhof will ich liegen“. Ehe sie einen Fremden heiraten muss, will sie lieber sterben. Ihre Mutter (Selina Pudell) jedoch hat einen Plan: Sie fliehen gemeinsam. Gleichzeitig entfliehen auch Leonce und Valerio ihren Fesseln in Richtung Süden. Die im Hintergrund projizierten Wolken weichen nun einem leuchtenden Vollmond, der den vorläufigen Höhepunkt beleuchtet: Den versuchten Doppelsuizid der leidgeplagten Leonce und Lena – vereitelt von Valerio. In einem dramatischen Finale wird eine „virtuelle Hochzeit“ zwischen zwei Robotern gefeiert. Nach Valerios tiefgründigem philosophischen Monolog über Roboter, Liebe, Einzigartigkeit und Gesellschaft finden die frisch verheirateten Leonce und Lena heraus, dass sie die beiden Königskinder, deren Vermählung an diesem Tag ohnehin stattfinden sollte, sind. Mit einem furiosen Tanz endet das Stück, begleitet von Valerios Sprachgesang. Nach den Verbeugungen und Dankreden schließlich gibt es noch eine Zugabe: Die Besetzung tanzt noch einmal, allerdings hat Valerio seine charakteristische Baseballmütze mittlerweile an den Priester weitergereicht. Gemeinsam zeigen sie eine ausgefallene Choreographie mit Teilen aus dem „Gangnam Style“ oder auch „Pulp Fiction“. Tosender Applaus ist derLohn für die jungen Darsteller. Roger Wilhelm glänzt an diesem Abend als emotional flexibler Leonce, überzeugt in den melancholisch-kaltenPhasen ebenso wie in rasender Wut. Jessica Erlebach beweist in ihrer Rolle als klassischer Narr eine kaum zu fassende Bühnenpräsenz. Gewitzt, clever, niemals unterwürfig und mit vollem Körpereinsatz kann sie das Publikum für sich gewinnen. Mahalia Slisch, stets zwischen Todes- und Liebessehnsucht wandelnd, verleiht Lena eine starke Gestalt. Jan Pospischil zeigt eine großartige Leistung als König Peter, schwankend zwischen infantilem Trotzkopf und entschlossenem politischem Führer. Selbst die mit wenig Text ausgestatteten Nebenrollen können das Publikum begeistern: Amanda Konieczna (die Königin), Selina Pudell (Lenas Mutter), Marei Debertin (Rosetta), des Königs Hofstaat mit Alina Geilich, Christoph Wies, Mareike Berk, Jana Laska, Pascal Marggraf sowie Sean Vogel als Prediger verdienen sich Höchstnoten. Sabine Hartmann bezeichnete das Ergebnis als „phänomenal“ und Co-Spielleitung Christine Heinrich fand „die Entwicklung der Schauspieler ganz toll“. Ciupka ergänzte, dass die Aufführung „gut gelaufen“ sei. Wichtig sei für ihn gewesen, Figuren zu schaffen, in denen sich die heutigen Schüler wiedererkennen könnten. Der Applaus spricht für seinen Erfolg.
Quellenangabe: „GT“, 27.5.2014
