(von Maike Körner)
Der pädagogische Austauschdienst bietet, in Zusammenarbeit mit einer britischen Partnerorganisation, deutschen Lehrkräften die Möglichkeit an einer Schule in Groß-Britannien zu hospitieren. Ziel des Programms ist es, deutschen Lehrkräften einen tiefergehenden Eindruck in das britische Schulsystem zu gewähren, einen internationalen Austausch über Aspekte von Unterricht zu ermöglichen und aber auch die deutsche Sprache und Kultur zu bewerben. In diesem Jahr konnte ich an dem Programm teilnehmen und verbrachte im Januar drei Wochen an der Spalding High School.
Die Kleinstadt Spalding (ca. 28.000 Einwohner) befindet sich in der Region Lincolnshire, ca. zwei Autostunden nordöstlich von London. Da single-sex schools in Groß-Britannien noch weitverbreitet sind, handelt es sich bei der Spalding High School um ein reines Mädchengymnasium, das von ungefähr 950 jungen Damen besucht wird. Die Schülerinnen tragen Schuluniform, bestehend aus einer weißen Bluse, einer dunkelroten Krawatte, einem dunkelblauen Pullover und einer dunkelblauen Hose bzw. Rock. Auch für die Lehrkräfte gibt es gewisse Kleidungsvorschriften, so sind z.B. Jeanshosen und Turnschuhe nicht gestattet. Der Unterricht findet jeden Tag von 8:55-15:40 statt. Jeder Schultag beginnt mit einer Anwesenheitskontrolle durch den Klassenlehrer (registration), gefolgt entweder von einer zwanzigminütigen Klassenleiterstunde oder einer Versammlung (assembly) aller Schülerinnen einer oder mehrerer Jahrgangsstufen in der Aula. Währen einer solchen Versammlung spricht entweder die Direktorin, die Stufenleiterin oder ein externer Gast zu den Mädchen. Im weiteren Verlauf des Schultages haben die Mädchen fünf Stunden Unterricht, der um 12:35 von einer einstündigen Mittagspause unterbrochen wird. In dieser Zeit besteht auch die Möglichkeit an verschiedenen AGs (clubs) teilzunehmen. Genau wie beim regulären Unterricht gibt es hier viele Gemeinsamkeiten mit dem Angebot an deutschen Schulen, aber auch signifikante Unterschiede. Z.B. belegen alle Mädchen das Fach Design and Technology, in dem sie ein halbes Jahr Computerfähigkeiten und ein halbes Jahr textiles Gestalten mit dem Schwerpunkt Nähen erlernen.
Im Laufe der drei Wochen konnte ich eine Reihe von Fächern besuchen, darunter Englisch, Deutsch, Psychologie, Hauswirtschaftslehre (home and econmics) und klassische Geschichte (classical civilisation). Neben den unterschiedlichen Fächern, fiel mir recht schnell auf, dass die Nutzung von Medien in Groß-Britannien weitaus fortgeschrittener ist als in deutschen Schulen, so verfügt jeder Raum über einen Computer/Beamer mit Internetzugang und sehr häufig auch noch über ein Smartboard. Ein überwiegender Großteil der Lehrkräfte arbeitet fast nur mit Power Point und anderen Programmen. Auch die Anwesenheitskontrolle am Morgen geschieht elektronisch, d.h. e gibt keine Klassenbücher, sondern fehlende Mädchen werden im Schulsystem eingegeben.
Neben dem Besuch von Unterricht führte ich viele Gespräche mit verschiedenen Mitgliedern der Schulgemeinde wie der Bibliothekarin, die mir einen ausführlichen Einblick in das reading scheme der 6. und 7.Klässlerinnen gab. Die Mädchen müssen innerhalb von zwei Schuljahren in einem eigens von der Schule konzipierten Heft dokumentieren, dass sie eine Vielzahl verschiedener Bücher gelesen haben und verschiedene Aufgaben zu diesen Büchern bearbeiten. Um ihnen die Auswahl zu erleichtern, gibt es in dem Heft vielerlei Anregungen und die Mädchen können sich auch jederzeit Hilfe in der Schulbücherei holen. Dort finden sie auch eine überwältigende Anzahl an fiktionalen und nichtfiktionalen Büchern zum Ausleihen. Dieses reading scheme soll zum einen die Lesefähigkeit der Mädchen zu fördern, zum anderen aber auch Ideenreichtum (resourcefulness), Widerstandsfähigkeit (resilience), Wechselseitigkeit (reciprocity) und Reflexionsvermögen (reflectiveness). Diese vier Fähigkeiten finden sich, in Form von Postern, in jedem Klassenzimmer und an viele anderen Orten der Schule wieder. Jede Unterrichtsstunde sollte möglichst alle diese Fähigkeiten entwickeln, so dass ich sehr häufig beobachten konnte, dass die Mädchen am Ende einer Unterrichtsstunde über das Gelernte und ihre eventuellen Schwierigkeiten reflektieren.
Während meines Aufenthalts wurde ich von meiner britischen Kollegin Frau Marianna Almasi betreut, die gleichzeitig auch meine Gastgeberin war. Es war für uns beide ein gelungener Aufenthalt und wir sind uns sicher, dass, auch wenn das Programm leider keinen Gegenbesuch vorsieht, wir uns wiedersehen werden.
