Anlässlich des 25. Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001 durfte das Grimmels Dr. Matthias Dickert für einen vielschichtigen Vortrag begrüßen. Dr. Dickert ist als ehemaliger Grimmels-Lehrer nicht nur für manche Lehrkraft ein bekanntes Gesicht, sondern auch mit über 90 Publikationen sowie internationalen Präsentationen Experte auf dem Gebiet des „Muslim Writing“ in der englischsprachigen Welt.
In seinem Vortrag beleuchtete er das Thema fächerübergreifend aus vier verschiedenen Blickwinkeln – historisch, politisch, literarisch und religiös – und gab den Schülerinnen und Schülern der E1 und Q1 einen besseren Einblick in das Verständnis islamistischer Gewalt und der Polarisierung von Islam und Christentum.
„Büchse der Pandora für islamischen Terrorismus geöffnet und die Welt entscheidend verändert“
Zu Beginn des Vortrags stellte Dr. Dickert die These auf, dass 9/11 die Welt entscheidend verändert habe. Die Anschläge seien seit Pearl Harbor der größte Angriff auf die Vereinigten Staaten von Amerika gewesen und besonders in der kollektiven Erinnerung und im Gedenken verankert, weil die mediale Berichterstattung weltweit in Echtzeit stattgefunden habe, so Dr. Dickert.
Religion & Historie
Im Weiteren ging der Referent auf die historischen Fragen des in der Vergangenheit oft sehr feindlich geprägten Verhältnisses zwischen Islam und Christentum ein. Hier sprach er zum einen über die Instrumentalisierung von Religion. Autoritäre Herrscher hätten versucht, ihre Machtansprüche über religiöse Lehren zu legitimieren. Bei diesem Punkt bezog er sich insbesondere auf die Frage der Kalifennachfolge nur wenige Jahre nach dem Tod Mohammeds.
Unwissenheit über die jeweils andere Religion habe Muslime und Christen weiter entfremdet. Die Religionen wiesen Gemeinsamkeiten auf und seien daher auch in gewisser Weise miteinander verbunden, doch das Unwissen führe zu Vorurteilen und mache eine Instrumentalisierung historischer Ereignisse – wie beispielsweise der christlichen, gegen den Nahen Osten gerichteten Kreuzzüge – einfacher. Menschen seien anfällig für die terroristischen Narrative, die extremistische Gruppen verbreiteten.
Provokation & Terror
Im weiteren Verlauf seines Vortrags ging Dr. Dickert darauf ein, wie Anschläge von Terrororganisationen wie Al-Qaida oder dem IS die Narrative der westlichen Welt provozierten und verschöben. Die meisten Anschläge des Islamischen Staats fänden zwar in muslimisch geprägten Ländern statt, doch 9/11 habe viel an der Wahrnehmung verschoben und bei vielen zu einem Generalverdacht gegenüber Muslimen sowie zu antimuslimischem Rassismus geführt.
Literatur
Im englischsprachigen Teil des Vortrags ging Dr. Dickert auf die literarischen Veränderungen ein, die 9/11 hervorgebracht habe. Aus dem erlittenen Trauma sei eine neue Welle von „Fiction of Migration“ und „Muslim Writing“ entstanden. Autorinnen und Autoren hätten die Geschehnisse und ihre Auswirkungen in ihrer Kunst verarbeitet. Insbesondere muslimische Frauen hätten den
gesellschaftlichen Ausschluss von Muslimen in den USA und das Misstrauen der Amerikaner gegenüber Menschen dieser Glaubensrichtung in ihren Werken thematisiert und reflektiert.
Fazit
Zum Abschluss betonte Dr. Dickert noch einmal, wie wichtig es sei, einen differenzierten, reflektierten Sprachgebrauch an den Tag zu legen. Religion und Gewalt dürfe man nicht gleichsetzen, ebenso wenig wie Radikalismus und Extremismus.
Zudem seien die Narrative wichtig, die wir annähmen, und dass wir offen sowie möglichst vorurteilsfrei mit unseren Mitmenschen umgehen sollten. Um verschiedene Perspektiven zu verstehen, müsse man unterschiedliche Perspektiven einnehmen und dabei einen respektvollen Umgang pflegen. Gehe man Kommunikation so an, fänden Hass und Radikalisierung weniger Nährboden.
Leonie Lena Strobel, Q1